Selenskyj: USA liefern wieder Geheimdienstinformationen - aber zu spät
19. Oktober 2026
Nach einer mehrtägigen Unterbrechung haben die USA nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj die Weitergabe von Geheimdienstinformationen an sein Land wieder aufgenommen. "Es war blockiert für einige Zeit. Und dann wurde es von US-Seite wieder deblockiert", sagte Selenskyj in einem Interview mit dem US-Fernsehsender NBC. Die ukrainischen Streitkräfte hätten drei Tage lang während russischer Angriffe mit ballistischen Raketen keinen Zugriff auf die amerikanischen Informationen gehabt.
Die Unterbrechung habe die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine geschwächt, erklärte Selenskyj. Inzwischen sei das Problem behoben. "Jetzt funktioniert es wieder", sagte der Präsident und zeigte sich dafür "dankbar".
US-Außenminister Marco Rubio widersprach dieser Darstellung allerdings. Es habe keine "Pause" bei der Weitergabe von Geheimdienstinformationen gegeben, sagte Rubio an diesem Montag bei einem Besuch in Usbekistan. Zugleich forderte er Selenskyj auf, sich auf eine Beendigung des Krieges mit Russland zu konzentrieren. "Worauf er sich konzentrieren sollte und worauf wir uns konzentrieren wollen, ist, diesen Krieg zu beenden", erklärte der US-Außenminister.
Erneut keine rechtzeitige Warnung vor russischen Raketen
Trotz der nach ukrainischen Angaben wieder aufgenommenen Zusammenarbeit erhielten die zuständigen Stellen in Kyjiw bei neuen russischen Luftangriffen offenbar zunächst erneut keine rechtzeitige Warnung. "Ein weiterer russischer Angriff mit ballistischen Raketen erfolgte in der Nacht in mehreren Wellen, und wieder gab es keine rechtzeitige Warnung von unseren Partnern", so Präsident Selenskyj.
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe gab es vor der ersten Angriffswelle keine Warnung, vor der zweiten hingegen schon. Experten untersuchten den Vorfall gemeinsam mit den Partnern, sagte Luftwaffensprecher Jurij Ihnat.
Bei den Angriffen in der Nacht zum Montag wurden nach ukrainischen Angaben mindestens drei Menschen getötet. Russland feuerte demnach 16 ballistische Raketen auf Kyjiw und die umliegende Region sowie mehr als 200 Drohnen auf Ziele im ganzen Land ab. Die Luftabwehr meldete den Abschuss von insgesamt 247 Geschossen, darunter vier Marschflugkörper und 243 Drohnen.
Eine Frau kam in der Hauptstadt ums Leben, zwei weitere Menschen starben in der Industriestadt Krywyj Rih. Die Angriffe trafen auch die Regionen Charkiw und Dnipro im Osten, Odessa im Süden sowie Wolyn und Riwne im Westen des Landes.
Streit über Einschränkungen bei Starlink
Für zusätzliche Spannungen zwischen Washington und Kyjiw sorgt die vorübergehende Verlangsamung des Satelliten-Internetsystems Starlink. Der Dienst des US-Unternehmens SpaceX von Techmilliardär Elon Musk ist für die ukrainischen Streitkräfte von großer Bedeutung. Über das System werden unter anderem Drohnen gesteuert und militärische Informationen übertragen.
Nachdem US-Präsident Donald Trump die Ukraine wegen ihrer Angriffe auf russische Ölanlagen scharf kritisiert hatte, beklagte Kyjiw Einschränkungen bei Starlink. Die Drosselung beeinträchtige den Einsatz ukrainischer Drohnen und erschwere die Luftverteidigung gegen russische Angriffe.
Selenskyj vermutet hinter den Einschränkungen eine politische Entscheidung Washingtons. Er glaube, "es war eine Botschaft der US-Regierung, die Geschwindigkeit zu begrenzen. Und technisch hat SpaceX das getan", sagte der ukrainische Präsident bei NBC. Musk hatte wenige Tage zuvor ebenso wie Trump die Ablösung Selenskyjs gefordert.
Die US-Regierung wies den Vorwurf einer politischen Einflussnahme auf Starlink entschieden zurück. Finanzminister Scott Bessent bezeichnete die Behauptung als "sehr rücksichtslos". "Präsident Trump und Minister Rubio haben kategorisch erklärt, dass niemand in der Trump-Regierung das getan hat", sagte Bessent ebenfalls bei NBC.
Trump verteidigt Aussetzung der Russland-Sanktionen
Die Auseinandersetzungen fallen in eine Phase wachsender Spannungen zwischen Washington und Kyjiw. Trump hatte am Freitag bereits beschlossene Sanktionen gegen Russland per Dekret ausgesetzt. Die Maßnahmen sollten ursprünglich zwei Tage später in Kraft treten.
Das Sanktionspaket war Mitte September vom US-Kongress verabschiedet worden und nach dem im Juli gestorbenen republikanischen Senator Lindsey Graham benannt. Die Entscheidung des Präsidenten stieß auch innerhalb seiner eigenen Partei auf Kritik.
Trump verteidigte sein Vorgehen am Sonntag auf seiner Plattform Truth Social. Er verhandele über ein Ende des Ukraine-Krieges und wolle "nichts tun, was Russland törichterweise vom Verhandlungstisch wegbringen würde". Bei den Gesprächen würden "große Fortschritte" erzielt, erklärte der US-Präsident. Die Aussetzung der Sanktionen begründete Trump mit dem "nationalen Interesse der Vereinigten Staaten".
Selenskyj hatte Washington zuvor vorgeworfen, den russischen Präsidenten Wladimir Putin mit der Entscheidung zu "belohnen" und zu weiteren Angriffen zu "ermutigen". Der Kreml bezeichnete die Aussetzung der Sanktionen als "historischen Moment".
Bericht über geplanten Gipfel mit Putin, Trump und Xi
Inzwischen gibt es Hinweise auf einen möglichen neuen diplomatischen Vorstoß Moskaus. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" soll Putin ein Gipfeltreffen mit Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping vorgeschlagen haben.
Das Treffen könnte demnach bereits im November stattfinden. Ziel sei es, eine Beendigung des seit mehr als vier Jahren andauernden Ukraine-Krieges zu Bedingungen auszuhandeln, die Russland zugutekommen.
Die Zeitung berief sich auf einen ehemaligen russischen Geheimdienstmitarbeiter. Demnach unterbreitete Putin den Vorschlag bei einem Telefonat mit Trump am 9. Oktober. Eine unabhängige Bestätigung des angeblichen Gipfelplans liegt nicht vor.
pgr/pg/AR (dpa, afp, rtr)
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