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PolitikIndien

Indien: Der Mut der Frauen hinter den "Kakerlaken"-Protesten

Seerat Chabba
21. Oktober 2026

Trotz Polizeigewalt, Festnahmen und Online-Hetze gehen Frauen in Indien weiter auf die Straße. Sie lassen sich nicht einschüchtern und weigern sich, in die Opferrolle gedrängt zu werden.

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Indien Neu-Delhi 2026 | Protest gegen Wahlleiter Gyanesh Kumar | Demonstrantin vor Polizeibus
Widerstand: Eine Demonstrantin will das Polizeifahrzeug mit festgenommenen Anhängern der Kakerlakenbewegung in New Dehli aufhaltenBild: Priyanshu Singh/REUTERS

Am 20. Juli machten sich Navkiran Natt und ihr Partner auf den Weg zum Büro des Magistrats in Neu-Delhi, um zu heiraten. Dort angekommen, trafen sie auf eine angespannte Lage: Die Polizei war aufmarschiert, um einen von Jugendlichen angeführten Marsch zum Parlament aufzulösen.

Die Mitarbeiter der Behörde ebenso wie die Trauzeugen des Paares, verspäteten sich, da der Weg durch Barrikaden versperrt war.

Die Protestbewegung, bekannt als "Cockroach Janta Party" (CJP), hatte den Marsch organisiert, um den Rücktritt des damaligen indischen Bildungsministers Dharmendra Pradhan zu fordern.

Die Demonstrierenden stießen auf erbitterten Widerstand der Sicherheitskräfte, die Schlagstöcke, Tränengas und Schrotflinten mit Projektil-Munition einsetzten, was zu Verletzungen und zahlreichen Festnahmen führte.

Proteste trotz Angst vor Verhaftungen

Knapp drei Monate später, am 10. Oktober, verließ Natt frühmorgens ihr Zuhause und verbrachte den Tag damit, die abgeriegelte indische Hauptstadt zu durchqueren – auf der Suche nach einem Protest, dem sie sich anschließen konnte.

"Der Erfolg dieses Protests bemisst sich nicht daran, wie viele Menschen Jantar Mantar erreichen", sagt sie gegenüber der DW – in Bezug auf den Protestort im Zentrum von Neu-Delhi.

"Der Erfolg liegt vielmehr darin, dass die Menschen trotz all der Barrikaden und der staatlichen Gewalt ihre Häuser verlassen, um sich dem Protest anzuschließen."

Worum geht es bei den Protesten?

Die CJP entstand als satirische Online-Bewegung, nachdem der indische Oberste Richter Surya Kant in einer beiläufigen Bemerkung arbeitslose junge Menschen als "Kakerlaken" bezeichnet hatte. Der Name ist eine ironische Anspielung auf die Bharatiya Janata Party (BJP) – die Partei von Premierminister Narendra Modi, die derzeit an der Macht ist.

Nachdem die Proteste der Bewegung Ende Juli zum Rücktritt von Bildungsminister Pradhan führten, fordert sie nun den Rücktritt des umstrittenen indischen Chef-Wahlleiters Gyanesh Kumar. Hintergrund ist die Streichung von mehr als 130 Millionen Namen aus den Entwürfen der Wählerverzeichnisse im ganzen Land.

Da sich die Führung der CJP in richterlich angeordnetem Gewahrsam befindet oder ihr die Inhaftierung droht, ist ein Name zum Synonym für die Proteste geworden: Die studentische Anführerin Neha Bora, die für sich das geschlechtsneutrale Pronomen "they/them" verwendet.

Bora ist vor der Polizei durch die Straßen gerannt und vor den Augen der Sicherheitskräfte auf Barrikaden geklettert, hat aus Polizeifahrzeugen heraus Parolen gerufen und gemeinsam mit CJP-Sprechern und anderen an Pressekonferenzen teilgenommen.

Indien Neu-Delhi 2026 | Abhijeet Dipke & Neha Bora bei Pressekonferenz der CJP. Abhijeet Dipke (rechts am Tisch), Gründer der indischen Kakerlakenbewegung, und Neha Bora (C) (links daneben), Präsidentin des Studentenverbandes All India Students' Association (AISA), fordern den Rücktritt von Indiens Wahlkommissar Gyanesh Kumar auf einer Pressekonferenz. Sie sitzen an einem Tisch inmitten einer Menschenmenge, im Hintergrund ein Banner mit der Aufschrift Pressekonferenz
Abhijeet Dipke (rechts am Tisch), Gründer der indischen Kakerlakenbewegung, und Neha Bora (C) (links daneben), Präsidentin des Studentenverbandes All India Students' Association (AISA), fordern den Rücktritt von Indiens Wahlleiter Gyanesh Kumar auf einer Pressekonferenz Bild: Arun Sankar/AFP

Sie ist Vorsitzende der linken Studierendenorganisation AISA, "All India Students' Association", der Studierendenorganisation der Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch-Leninistisch) – Liberation (CPI-ML).

"In Zeiten, die zutiefst enttäuschend, beängstigend und tyrannisch sind, versuchen die Menschen, irgendwoher Hoffnung zu schöpfen… Wenn diese Leute kämpfen, dann können wir vielleicht auch kämpfen", sagte Bora gegenüber der DW.

"Das ist eine Verantwortung, die man den Menschen gegenüber hat", fügte sie/er hinzu.

Frauen gehen in großer Zahl auf die Straße

Die von der "Kakerlaken"-Gruppe angeführten Demonstrationen finden zudem in einer Zeit statt, in der insbesondere Frauen nach der Gruppenvergewaltigung einer 17-Jährigen Ende September in Neu-Delhi mehr Sicherheit und Selbstbestimmung für Frauen fordern. 

Nach Angaben des "National Crime Records Bureau" wurden im Jahr 2024 insgesamt 441.534 Straftaten gegen Frauen registriert – das entspricht durchschnittlich 1.210 Fällen pro Tag. Experten weisen darauf hin, dass diese offiziellen Statistiken nur einen Teil der geschlechtsspezifischen Gewalt im Land abbilden.

Vergewaltigung: Indien lässt Opfer im Stich

Doch obwohl sie sich auf der Straße mit sexualisierten Übergriffen durch die Polizei und im Internet mit Hetzkampagnen konfrontiert sehen, wehren sich die Frauen und genderqueeren Personen, die die Bewegung anführen, dagegen, in die Opferrolle gedrängt zu werden.

"Der Slogan 'Beti Bachao' [Rettet die Tochter] zieht bei dieser Generation einfach nicht mehr. Die Forderung ist ganz klar: Betrachtet uns als politische Wesen, als freie Menschen", erklärte die Aktivistin Kavita Krishnan gegenüber der DW.

"Beti Bachao, Beti Padhao" (Rettet die Tochter, bildet die Tochter aus) ist ein zentrales Regierungsprogramm der BJP, das 2015 ins Leben gerufen wurde.

Protest als Teil des Alltags

"Widerstand darf kein isoliertes Ereignis sein – kein einzelner großer Tag, nach dem man einfach zu seinem gewohnten Leben zurückkehrt", sagt Gurmehar Kaur gegenüber der DW. 

Die 29-Jährige ist Autorin des Buchs "The Young and the Restless: Youth and Politics in India" über Jugendproteste in Indien.

Kaur erklärte, ihr politisches Engagement verschaffe ihr Zugang zu Ressourcen, mit denen die Bewegung unterstützt werden könne; so entstehe ein Sicherheitsnetz für Demonstrierende – "ungeachtet ihrer politischen Zugehörigkeit".

In einer Zeit, in der die Behörden hart gegen die Protestierenden vorgehen, sieht sie für sich und andere Mitglieder der Opposition eine klare Pflicht: "Präsenz zeigen und den eigenen Körper einsetzen."

Kaur berichtet, dass ihre männlichen Kollegen oft "sehr erfreut sind, wenn ihre Fotos in den Medien auftauchen". Für sie hingegen bedeute Aufmerksamkeit vor allem eines: Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, Demütigungen und Misshandlungen.

Indien: Frauen kämpfen gegen den Kohlenstaub

Navkiran Natt, eine Aktivistin, die vor allem durch die Bauernproteste der Jahre 2020 und 2021 bekannt wurde, bestätigt Kaurs Erfahrungen.

"Wenn eine Frau einen Protest anführt, ist ihre Sexualität das erste Ziel von Angriffen", sagt sie. Auf Bildern in den sozialen Medien sind Demonstrierende zu sehen, deren Kleidung bei Auseinandersetzungen mit der Polizei zerrissen wurde.

Offizielle Stellen in Delhi wiesen die Vorwürfe der Misshandlung zurück und erklärten, die weiblichen Demonstrierenden seien "würdevoll" behandelt worden.

Die Studierendenvertreterin Bora widersprach dieser Darstellung der Polizei. Sie wies darauf hin, dass für die große Zahl an weiblichen Demonstrierenden nur sehr wenige Polizeibeamtinnen zur Verfügung standen.

"Mehrere Demonstrierende kamen, um mich zu schützen und zu verhindern, dass ich festgenommen werde", berichtete sie.

Indien Neu-Delhi 2026 | Protest gegen Polizeigewalt gegen Demonstrantinnen. Studentenanführerin Neha Bora (Mitte) wehrt sich gegen ihre Verhaftung Anfang Oktober, sie trägt eine Brille
Protest gegen Polizeigewalt: Studentenanführerin Neha Bora (Mitte) wehrt sich gegen ihre Verhaftung Anfang OktoberBild: Kabir Jhangiani/ZUMA/IMAGO

Die Behörden haben ein Strafverfahren gegen eine Journalistin eingeleitet, die einen hochrangigen Polizeibeamten in Delhi der sexuellen Belästigung beschuldigt hatte.

Das Verfahren stützt sich auf ein indisches Gesetz, das eigentlich dazu dienen soll, Straftaten gegen Angehörige der sogenannten "Scheduled Castes" (registrierte Kasten) und "Scheduled Tribes" (registrierte Stämme) zu verhindern. Nach Angaben der Behörden werden die Vorwürfe der Journalistin selbst derzeit untersucht.

Zudem kursieren im Internet zahlreiche KI-generierte, sexualisierte Bilder von protestierenden Frauen, die nachträglich in Fotos von Demonstrationen eingefügt wurden.

Warum Drohungen verhallen

Dies hat die Protestierenden nicht davon abgehalten, auf die Straße zu gehen. Die Behörden gingen offenbar davon aus, dass sexuelle Demütigungen die Frauen abschrecken würden, so die Aktivistin Krishnan. Doch "diese Generation betrachtet sexuelle Gewalt nicht als etwas, das mit Scham behaftet ist."

Indien Neu-Delhi 2026 | Studenten mit Plakaten bei Protest für mehr Sicherheit von Frauen. Auf einem Plakat steht: Keep your eyes off my Body"
"Starr mich nicht an": Frauen fordern mehr Sicherheit vor männlichen ÜbergriffenBild: Sajjad Hussain/AFP

Krishnan war bereits nach der Gruppenvergewaltigung im Fall "Nirbhaya" im Jahr 2012 an vorderster Front bei den Protesten dabei – damals waren in der Öffentlichkeit Slogans wie "Hängt die Vergewaltiger" zu lesen.

Diesmal jedoch, so Krishnan, gehe es bei der Wut "nicht um ein männlich geprägtes Ehrverständnis." Es gehe um "Würde und Freiheit... Frauen sehen sich in jedem Land mit verschiedensten Problemen konfrontiert – da bilden indische Frauen keine Ausnahme", fügte sie hinzu.

Laut Krishnan sind die von jungen Menschen angeführten Proteste eine Reaktion auf eine breitere globale Welle des "zivilisatorischen und kulturellen Nationalismus". Dieser nutzt Geschlechterfragen und eine Rhetorik des "Schutzes" – etwa von Töchtern, Familien oder Traditionen –, um Unterstützung für eine Politik gegen Minderheiten, Einwanderer und Trans- Personen zu mobilisieren.

"Hören Sie sich die Rhetorik von Donald Trump, Viktor Orbán oder der Alternative für Deutschland (AfD) an – es ist genau dasselbe", sagt sie mit Blick auf die politische Lage in den USA und Europa.

"Wenn man betrachtet, was in Indien geschieht, versteht man vielleicht besser, was im eigenen Land vor sich geht." Diese jungen Menschen", so sagt sie, lassen sich nicht länger täuschen. Sie "kämpfen für eine Sprache der Zukunft, eine Sprache, die Hoffnung birgt."

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